Fest der Liebe, fest der Triebe
Manche Weihnachtsfeier kommt erst nach dem letzten Plätzchen richtig in
Schwung. Wie? Das zeigen Bettina Koch und Jürgen Reitz in ihrer neuen Produktion: „Je
stiller die Nacht“.
Wenn Herr Meier vom Verkauf Frau Müller vom Personalbüro mit dem Tannenzweig
kitzelt, Herr Schmidt von der Revision unterm Tisch in stiller Nacht versinkt,
und die gesamte Belegschaft um die Plätzchen tanzt, ja, dann... ist für
die einen der blanke Horror ausgebrochen und für die anderen der Betriebsklimagipfel
noch lange nicht erreicht. Weihnachtsfeier nennt man das. Eigentlich verwunderlich,
daß noch niemand dieses alljährlich wiederkehrende Ereignis fürs
Theater entdeckt hat, oder? Jetzt wird die Lücke endlich geschlossen: Bettina
Koch und Jürgen Reitz haben sich rund um die betriebsinternen Jahresendvergnügungen
eine „festliche Satire“ ausgedacht.
Die feuchtfröhliche Wirklichkeit nun aber einfach abzukupfern, das erschien
den beiden Schauspielern denn doch zu simpel. Ihr Stück “Je stiller
die Nacht“ setzt daher ein, wenn die Feier schon zu Ende ist. Zwischen
Tischen mit dreckigen Gläsern, den letzten Plätzchen und brennenden
Kerzen in einem mittelständischem Unternehmen sind nur noch zwei Menschen
zu finden: Frau Neubauer, die Chefin, denn „einer muß ja aufräumen“ und
Herr Dr. Bohlen, der Assistent der Geschäftsleitung, der es „toll“ findet, „wie
Sie den Laden schmeißen. Will er auf die schleimende Tour befördert
werden? Oder ist da etwa nach dem letzten Schluck Cremant noch ein Prickeln übrig
geblieben? Und wie, wenn beides?
In „Je stiller die Nacht“ steckt jedoch weit mehr drin als nur die
Anbahnung einer kleinen Affäre. Während die Chefin und ihr Angestellter
sich langsam näher kommen, machen Koch und Reitz wie bei einem Adventskalender
ein Türchen nach dem anderen auf: Hinter jedem erwartet die Zuschauer ein
neues überraschendes Zwischenspiel. Nachdenkliche und ketzerische Texte
von Klabund und Kästner, Limericks und Gedichte nach Art der Neuen Frankfurter
Schule, kabarettistische Sketche mit babbelnden Hessen, und alles hat irgendwie
mit dem Fest der Feste zu tun.
(Sylvia Buss, SZ)

Je stiller die Nacht, desto wilder die Weihnachtsfeier
Weihnachtsfeiern unter Kollegen sind ja schon schlimm. Aber welche Abgründe
sich auftun, wenn hinterher nur noch die Chefin und der Assistent der Geschäftsleitung übrig
sind, davon können Bettina Koch und Jürgen Reitz ein Lied singen. Zumindest
auf der Bühne. Premiere vor ausverkauftem Saal und begeistertem Publikum!
Die Story ist simpel: Gelegenheit macht Liebe. Auch zwischen einem karrieregeilen
Speichellecker und einer coolen Business-Frau. Obwohl die so ihre Prinzipien
hat. Regel 1: Nutze deine erotische Ausstrahlung zur Motivation deiner Angestellten.
Regel 2: Lass es aber nie zum Vollzug kommen. Regel 3: Zwischen Null und Vier
Uhr sind Regeln 1 und 2 außer Kraft gesetzt. Alles klar. Und er? Er hat
die dümmste Anmache der Welt parat: „Sie haben ein kluges Gesicht“.
Ansonsten kann er noch etwas Thai Chi, was sie mit Macchiavelli für Frauen
kontert. Wer hier wen an den Fäden hält, bleibt letztlich offen. Nicht
aber, was sich mittlerweile hinter verschlossenen Türen ereignet hat. Wenn
er in klassischer Zwischentitel-Manier erläutert: „ Stunden später“,
und Sie trocken korrigiert: „32 Minuten“ - dann weiß das Publikum
Bescheid.
So punktgenau wie diese zünden alle Pointen des Programms. Was Bettina Koch
und Jürgen Reitz aus dem Klischee Chefin-liebt-Untergebenen an Komik rausgeholt
haben, wäre allein schon den Eintritt wert. Aber bei „Je stiller die
Nacht“ stimmen nicht nur die Gags, sondern auch die Schauspielkünste
der beiden Akteure. Sicher, sie haben sich das Stück auf den Leib geschneidert.
Mit reichlich Lakonismus und Sinn für’s richtige Timing. Aber vor
allem ihrer erfrischend unprätenti-ösen Darstellung ist es zu verdanken,
dass sich der Plot hart an der Realität bewegt. Koch/Reitz wären nicht
Koch/Reitz, würde sich das Stück nicht mit unglaublicher Rasanz noch
mindestens drei weitere Programme einverleiben. Da werden flugs Klassiker der
Weihnachtssatire von Loriot bis Kästner eingewoben, und mit den Namen bekannter
Schlagersänger wird so lange Karussell gefahren, bis einem allein vom Zuhören
schwindlig wird. Zwischendurch gibt’s verjazzte Weihnachtslieder. „Es
ist ein Ros‘ entsprungen“ erklingt gar als Rhythm’n Blues -
und mit der schnellen Nummer im Büro ist auch die Rahmenhandlung noch lange
nicht zu Ende. Das alles in nur zwei Stunden. Kaum zu glauben, aber wahr.
Katja Preissner, SZ